Von Wahlfreiheit, Widerstand und WhatsApp


Von Wahlfreiheit, Widerstand und WhatsApp

Gepostet Von am 24.04.2017 in Digitalnotizen, Newsticker

Montag ist Kolumnentag. An dieser Stelle gibt es im contentIQ-Blog immer montags laut gedachte Gedanken rund um Web, IT, eCommerce oder digitale Bildung. #digitalnotizen
Warum die Qual der Wahl nicht immer mit Vielfalt zu tun hat.

Kennt ihr diesen Moment, in dem ein lange aufgebauter Widerstand bricht und man sich von der Masse mitreißen lässt? In dem man entscheidet, doch mit der Welle mitzuschwimmen, anstatt sich dagegen aufzulehnen? Weil man ja weiß, dass sie letzten Endes doch stärker ist? Weil es einfach zu anstrengend wird? Oder weil man die anderen vermisst, die sich schon vor längerer Zeit einfach haben mittreiben lassen?

Ich arbeite schon seit ewigen Zeiten mit und über Internet, Technik & Co. und habe schon meine ersten eigenen Netz-Projekte aufgebaut, als das Netz noch WWW hieß und nahezu unberührt war. Es mag merkwürdig klingen, aber trotzdem – oder vielleicht auch gerade deshalb? –, gehöre ich bei vielen technischen Errungenschaften zu den klassischen Late Adoptern. Zum Beispiel bei so banalen Dingen wie CDs. Ich habe ewig gebraucht, um mich davon überzeugen zu lassen, dass sie einfach praktischer sind als die schönen großen Schallplatten mit ihrem warmen Klang und den irgendwie authentischen Kratzern. Der Umstieg auf MP3s ging dafür umso schneller – kein Wunder eigentlich, schließlich fehlte mir nach so viel Widerstand wohl der emotionale Bezug zu den Silberscheiben.

Ähnlich ging es mir beim Smartphone, das ich lange Zeit für überflüssig hielt – aber innerhalb von drei Tagen schon nicht mehr missen wollte. Von der Freiheit, mal eben im Schatten auf der Wiese sitzend Mails abrufen zu können, ohne direkt das Büro (aka Laptop) aufbauen zu müssen, habe ich mich tatsächlich sofort überzeugen lassen.

Weniger gut angefreundet habe ich mich mit einer Bastion, gegen die ich mich deutlich bewusster gewehrt habe: Facebook. Bei Google+ war ich von den ersten Tagen an dabei und habe die sympathische, nerdige Aufbruchstimmung dort eine Zeitlang sehr genossen. Twitter fand ich von Anfang an spannend und irgendwie ehrlich. Facebook dagegen war in meinen Augen immer die Verkörperung von Big Brother himself. Aber ich konnte ja schlecht Fachartikel über Social Media schreiben, ohne selber jemals einen Fuß in Facebook gesetzt zu haben. Also habe ich irgendwann in den sauren Apfel gebissen – und habe gedacht, ich könnte Job und Privat dabei prima trennen. Ha. Haste gedacht. Aber das brauche ich euch sicherlich nicht zu erzählen.

Und nun WhatsApp. Ich habe es wirklich versucht, ich war entschlossen, mich zu wehren. Gegen diese Monopolisierung unserer Kommunikation. Und gegen die Datenkraken. Erstmal ganz ohne Messenger. Dann mit Threema. Mit Jabber. Mit Wire. Und schließlich mit Signal. Das noch mit dem größten Erfolg – immerhin hab ich dort inzwischen 10 Kontakte. Wow. Besonders ernüchternd wird diese Zahl in dem Moment, in dem man WhatsApp installiert und dort auf Anhieb 152 Kontakte findet. Ein Messenger macht halt nur dann Sinn, wenn man auch jemanden hat, mit dem man messengen kann.

Sich auflehnen gegen die Monopolisierung unserer Kommunikation. Geht das? #digitalnotizen Klick um zu Tweeten

Es gibt jede Menge gute Gründe, kein WhatsApp zu nutzen. Oder den bestehenden WhatsApp-Account nach den neuesten Datenkraken-Auswüchsen wieder zu löschen. Warum gehe ich bloß ausgerechnet jetzt den umgekehrten Weg? Man kann versuchen, sich damit zu beruhigen, dass Facebook schon im November versprochen hat, die erst kurz vorher angekündigte Weitergabe der WhatsApp-Daten an Facebook vorerst auszusetzen. Gegen die ich mich als Neukundin jetzt im Übrigen noch nicht mal mehr aktiv wehren kann. Aber natürlich ist das reine Augenwischerei, mehr nicht, und nur eine Frage der Zeit, bis die Daten wieder ihren Weg zum Mutterkonzern finden. Und da WhatsApp im Unterschied zu Signal, Wire und Teilen von Threema auch keine Open-Source-Software ist, bleibt es für unsereiner ohnehin komplett undurchsichtig, was mit den Daten genau passiert.

152 Kontakte auf WhatsApp

10 Kontakte auf Signal – 152 auf WhatsApp. Ist das noch Wahlfreiheit?

Da der Messenger nicht aus reiner Menschenliebe kostenlos angeboten wird, sondern sich anderweitig zu finanzieren plant, kann man sich schnell ausrechnen, dass die Daten und ihre möglichst breite Verfügbarkeit zum Geschäftsmodell dazugehören.

Tja, warum also jetzt doch? Schließlich habe ich doch die Wahl, oder? Wobei – ist da noch Platz für Wahlfreiheit, wenn sich die Theater-AG, die Schulklasse, die Fußballrunde, die Yoga-Gruppe oder die Band über WhatsApp organisieren und vernetzen? Ist es eine echte Option, als einzige/r nicht dabei zu sein?

Ist da noch Platz für Wahlfreiheit, wenn sich die Schulklasse über WhatsApp organisiert? Klick um zu Tweeten

Etwas zu tun, weil es alle anderen auch machen, war für mich noch nie ein Argument, wenn überhaupt, dann eins dagegen. Im Falle von WhatsApp sieht das natürlich ein bisschen anders aus. Denn Kommunikation macht halt nur Spaß, wenn man jemanden zum Kommunizieren hat. Und auf Signal fühlt es sich auf Dauer schon ein bisschen einsam an. Auch wenn die Tatsache, dass man darüber auch ganz normale SMS verschicken kann, ein wenig über diese Einsamkeit hinwegtäuscht – nur: Aus Privacy-Gründen auf WhatsApp zu verzichten, um dann unverschlüsselt via SMS zu kommunizieren, ist irgendwie eine doofe Strategie. Nur kann man die anderen ja nicht zu Signal & Co. zwingen. Man kann auf jede Frage antworten: „Nein, ich hab‘ kein WhatsApp, ich hab‘ Signal.“ Aber das führt vielleicht alle halbe Jahre mal dazu, dass tatsächlich jemand Snowdens Messenger der Wahl ausprobiert.

Kommunikation macht nur Spaß, wenn man jemanden zum Kommunizieren hat. #digitalnotizen Klick um zu Tweeten

Also habe ich mich schließlich für die (eingeschränkte) Verschlüsselung entschieden und dafür den Monopolisten in Kauf genommen. Freunde und Verwandte, die mich gut kennen, sind angesichts meiner ersten WhatsApp-Nachricht reihenweise von den Stühlen gefallen. „Du hier? Ernsthaft?“ Auch wenn es sich ein bisschen wie Umkippen und Aufgeben anfühlt – ist ja schön, wenn man sein Umfeld noch überraschen kann. Und wenn es mit so etwas Banalem wie einem WhatsApp-Account ist.

Den Kampf gegen die Monopolisierung unserer Kommunikation möchte ich allerdings trotzdem nicht einfach so aufgeben. Mein WhatsApp-Status heißt deshalb: „Übrigens auch bei Signal, Jabber und Threema.“ Es lebe die Pluralität. Man darf ja noch hoffen.

Es lebe die Pluralität. Und die Hoffnung stirbt zuletzt. #digitalnotizen Klick um zu Tweeten

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KF/ciq

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