Von Nachbarn, Netzwerken und langen Nächten


Von Nachbarn, Netzwerken und langen Nächten

Gepostet Von am 29.05.2017 in Digitalnotizen, Newsticker, Social Media

Montag ist Kolumnentag. An dieser Stelle gibt es im contentIQ-Blog nicht jeden Montag, aber immer montags laut gedachte Gedanken rund um Web, IT, eCommerce oder digitale Bildung. #digitalnotizen
Warum das Internet ein sehr, sehr großes Dorf ist

Kennt ihr jemanden, mit dem ihr euch sehr verbunden fühlt, den ihr aber noch nie im Leben persönlich gesehen habt? Nein, ich spreche nicht von Lieblingssängern oder anderen Prominenten, die noch nie von eurer Existenz gehört haben. Ich meine tatsächliche Beziehungen mit Austausch und Kommunikation, an denen beide Partner teilhaben. Bekanntschaften, Freundschaften – oder irgendwas dazwischen. Ich habe jede Menge von diesen vertrauten Fremden. Und ich verdanke sie alle dem Internet. Richtig: Dem bösen, gefährlichen, zeitraubenden und beziehungstötenden Internet.

Echte Freunde finden im gefährlichen und beziehungstötenden Internet. Geht das? #digitalnotizen Klick um zu Tweeten

Mit Begeisterung werden den neuen Medien allgemein und dem Internet im Besonderen negative Attribute und geradezu zerstörerische Kräfte zugeschrieben. Man liest von Cyber Mobbing und Social-Media-Sucht, von populistischer Beeinflussung durch Fake News und vom Verlust von Lebensfähigkeiten wegen zu viel Bildschirmkonsum, gerade bei Kindern und Jugendlichen. Und ja, alles das sind Gefahren, die wir ernst nehmen müssen. Was darüber aber in manchen gesellschaftlichen Gruppen und Kontexten gerne vergessen oder vielleicht auch bewusst ignoriert wird: Das Internet ist doch so viel mehr als das. Und das nicht nur in praktischer Hinsicht, weil man darin so wunderbar einkaufen, Reisen buchen oder Informationen finden kann. Nein, auch und gerade in sozialer Hinsicht ist das Internet eine Bereicherung ungeahnten Ausmaßes.

Eine Frage der Auswahl

Seid ihr zufällig auf dem Land groß geworden und später zum Studieren oder Arbeiten in die Stadt gezogen? Dann wisst ihr vermutlich ziemlich genau, wie sich das anfühlt, wenn der begrenzte Kreis an Personen, die für soziale Beziehungen zur Verfügung stehen, plötzlich gegen eine große Auswahl ausgetauscht wird. Wenn die Frage nicht mehr ist, ob man zur Dorfclique dazugehört oder nicht, sondern in welcher Gruppe man sich am wohlsten fühlt. Mit dem Internet ziehen wir noch weiter, von der Stadt in die Welt – und haben plötzlich die Möglichkeit, Menschen kennenzulernen, die richtig weit weg wohnen, statt in Bonn vielleicht in Berlin oder Heidelberg, in der Schweiz, in Spanien oder sogar in Australien.

Das Internet ist ein sehr, sehr großes Dorf. Oder eben die ganze Welt. #digitalnotizen Klick um zu Tweeten

Dem „Alleine-vor-dem-Bildschirm-Sitzen“ – und sich deshalb von der Außenwelt abschirmen – kann man nämlich ein „Gemeinsam-über-den-Bildschirm-Kommunizieren“ gegenüberstellen. Im Übrigen auch nicht erst seit Facebook und Co. – meine ersten Internetbekanntschaften habe ich in den 1990er Jahren über die CompuServe-Chatrooms, ICQ, Mailinglisten und Newsgroups gemacht. Wenn man wusste, wo man suchen muss, traf man dort und trifft man heute überall im Netz Menschen, die sich für das gleiche interessieren wie man selbst, die ähnliche Probleme haben oder die zusammen an gemeinsamen Zielen arbeiten möchten.

Light Painting auf den Dächern der Stadt vor dem Nachthimmel

Lange Nächte mit vertrauten Fremden und neuen und alten Freunden. | Foto: Unsplash

Wohlfühlen mit Ausblick

Und bevor jetzt jemand: „Achtung, Filterbubble!“ ruft – ja, natürlich hat man keinen repräsentativen Querschnitt durch die Bevölkerung vor sich, wenn man sich seine Freunde und Bekanntschaften auf diese Weise aussucht. Warum auch? Wir suchen uns doch auch im „echten“ Leben genau aus, mit wem wir befreundet sein möchten und mit wem nicht. Solange man seine Facebook-Timeline nicht mit einem Nachrichtenportal verwechselt und regelmäßig auch mal einen Blick über den Tellerrand wirft, ist dagegen doch auch überhaupt nichts einzuwenden. Schließlich fühlen wir uns meist in der Gesellschaft von Menschen am wohlsten, mit denen wir etwas gemeinsam haben.

Blick über den Tellerrand aus der Filterbubble – geht doch beides! #digitalnotizen Klick um zu Tweeten

Natürlich bekommen auf digitalen Wegen entstandene Bekanntschaften eine ganz besondere Note, wenn aus den virtuellen Begegnungen reelle werden und man sich plötzlich im echten Leben gegenübersteht. Das habe ich am just zuende gegangenen Wochenende wieder erlebt, und zwar im großen Stil. 120 Frauen aus einem Netzwerk, das es ohne das Internet (und ohne Susanne 🙂 – danke dafür!) nicht geben würde, haben vier Tage miteinander gearbeitet, gelernt, gelacht, getanzt und vor allem geredet, bis tief in die Nacht. Manche davon kennen sich schon seit Jahren, viele haben sich aber noch nie zuvor gesehen. Und trotzdem genügt es häufig, unbekannte Gesichter nach ihrem Namen zu fragen, um gleich mehr über sie zu wissen als über den langjährigen Wohnungsnachbarn. Weil man sich eben doch schon kennt – aus der Entfernung.

Wenn Menschen aufeinandertreffen

Das in den entsprechenden Kreisen schon legendäre Texttreff-Workshopwochenende ist für mich das inspirierendste Beispiel dafür, wie das Internet Menschen zusammenbringen kann. Wie unglaublich viel Kraft, Motivation und Liebe entstehen kann, indem man Menschen aufeinandertreffen lässt. Ihnen eine Plattform gibt, sich auszutauschen, miteinander und aneinander zu wachsen und voneinander zu profitieren.

Die irrwitzigen Potenziale des Internets für die richtigen Dinge nutzen. #digitalnotizen Klick um zu Tweeten

Wie wäre es, wenn wir alle dafür sorgen, dass es mehr davon gibt? Dass wir uns mehr auf die positiven Aspekte des Internets fokussieren, auf das Helfende, Verbindende. Dass wir der Hate Speech jede Menge Liebe entgegensetzen, und das gemeinsam – frei nach dem wunderbaren Motto der diesjährigen re:publica: „Love out loud“. Die Welt könnte so schön sein, wenn wir die irrwitzigen Potenziale dieses Mediums mit Respekt und Toleranz für Freundschaft, Solidarität und konstruktives Arbeiten nutzen würden. Wie es schon an so vielen Orten passiert. Mehr davon.

Inspired by #ttburg17.

KF/ciq

Weitere Links zum Thema:

06.02.2017 | Was die Filter Bubble für die Demokratie tun kann

Dr. Katja Flinzner

Dr. Katja Flinzner

Versorgt digitale Unternehmen mit grenzenlos guten Inhalten - als Fachautorin, Corporate Bloggerin, Lektorin und Übersetzerin. Bloggt seit 17 Jahren und schreibt heute hauptsächlich über Themen aus Web, IT, eCommerce und digitaler Bildung - gerne auch für Ihr Unternehmen.
Dr. Katja Flinzner

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2 Kommentare

  1. Du haste s auf den Punkt gebracht!
    Danke, Katja sagt Janne

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