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Überwachungskamera

Von Kameras, Kennzeichen und Kundenbindung

19. Juni 2017/von Dr. Katja Flinzner
Montag ist Kolumnentag. An dieser Stelle gibt es im contentIQ-Blog nicht jeden Montag, aber immer montags laut gedachte Gedanken rund um Web, IT, eCommerce oder digitale Bildung. #digitalnotizen
Warum wir dringend reden müssen. Über die Folgen von und Alternativen zum Dauertracking.

Kennt ihr diese Schilder im Supermarkt, auf denen steht: „Dieser Markt wird videoüberwacht.“? Wann habt ihr die zum ersten Mal gesehen? Wann zum letzten Mal bewusst wahrgenommen? Und was erwartet ihr, wenn ihr solche Schilder seht? Ich für meinen Fall denke dabei an Kameras, die von schräg oben einzelne Supermarktabschnitte, schlecht einsehbare Gänge und vermutlich den Kassenbereich filmen. Als Abschreckung für Ladendiebe und – wenn diese sich davon dann doch nicht abschrecken lassen – als Hilfe zur nachträglichen Aufklärung bei Diebstählen oder Überfällen. Und in meiner Vorstellung sind die damit getätigten Aufnahmen auch heute noch im Schnitt eher von schlechter Qualität und man muss ein bisschen raten, wenn man Gesichter erkennen will. Aber diese Vorstellung mag zu vielen schlechten Filmen geschuldet sein…

Dieser Markt wird videoüberwacht. Echt jetzt? #digitalnotizen Share on X

Was ich definitiv jedoch nicht erwarte, sind technisch hochwertige Aufnahmen aus nächster Nähe, die beim Schlangestehen mein Gesicht analysieren, erfassen, wie alt ich bin, ob männlich oder weiblich, und wie lange ich auf den mich filmenden Bildschirm schaue. Und zu Analysezwecken dabei ein Foto von mir machen.

Passiert auch nicht? Doch, passiert. Schon seit einiger Zeit in Filialen der Post – als ich das vor mehreren Wochen las, fragte ich mich bereits, wo die Proteste dagegen bleiben. Die kamen erst jetzt, wenn auch viel zu leise, als zu lesen war, dass dasselbe System, das die Post verwendet, auch in Real-Supermärkten eingesetzt werden soll. Und auch andere Supermarktketten denken wohl bereits über einen Einsatz nach.

EDIT: Laut Meldung von netzpolitik vom 28.06.2017 hat real auf die Proteste reagiert und den Einsatz der Geräte zur Blickkontakterfassung mit sofortiger Wirkung vorerst eingestellt. Bleibt abzuwarten, ob sie ggf. in veränderter Form irgendwann wiederkommen.

Überwachungskamera

Der Weg zum gläsernen Kunden läuft auch über Kameras… | Foto: Mike Flinzner

Das Abstruse daran: Offenbar tun sie das in dem Bestreben, Nachteile gegenüber dem Online-Handel auszugleichen. Der betreibt tatsächlich schon deutlich länger User Tracking, Retargeting & Co. und versucht seine Kunden anhand von Big Data immer stärker zu durchleuchten. Was datenschutzbewusste Käufer wiederum in die Arme des vermeintlich anonymen stationären Handels treibt – zumindest wenn es um sensible Produkte geht. Wenn sich im stationären Einzelhandel jetzt Gesichtserkennung & Co. als Standardmethode durchsetzen, gibt es aber bald gar keinen Ort mehr, an dem wir unbeobachtet einkaufen können. Dann braucht es noch nicht einmal eine Abschaffung des Bargelds, um unsere Einkäufe auch im Geschäft um die Ecke nahtlos zu verfolgen. Ach so, und da unser Kennzeichen ja bei der Einfahrt in die Tiefgarage ohnehin schon erfasst wird, weiß natürlich auch schon jeder, in welchem Laden wir einkaufen. Und mit dem demnächst standardmäßig aktivierten RFID-Chip auf unserem Personalausweis fange ich lieber gar nicht erst an… Jede Menge verschiedene Datentöpfe, zugegeben, aber man mag sich lieber nicht vorstellen, was für Informationen sich ergeben, wenn man die miteinander verknüpft.

Sollten wir aus Datenschutzgesichtspunkten bald besser im Internet einkaufen? #digitalnotizen Share on X

Datenschützer Caspar sagte kürzlich im Spiegel-Interview: „Wenn sich die Geschäftsideen des „real life tracking“ durchsetzen, werden wir vermutlich künftig unter Datenschutzgesichtspunkten raten müssen, besser im Internet einzukaufen“. Und richtig: Wer heute anonym einkaufen möchte, tut das im Ladengeschäft. Wenn die oben genannte Entwicklung sich fortsetzt, dreht sich das Verhältnis irgendwann um. Denn im Netz kann man sich, wenn man weiß wie, vor allzu penetrantem Tracking tatsächlich in gewissem Rahmen noch schützen. Und man muss immerhin relativ deutlich darüber informiert werden, welche Daten in welcher Form erhoben und zu welchen Zwecken von wem verarbeitet werden. Real ist offenbar der Überzeugung, dass der Hinweis auf Videoüberwachung in irgendeiner Ecke des Eingangs als Information ausreicht. Im Real Life sind wir diesen Tracking-Methoden also gänzlich hilflos ausgesetzt, sobald wir das Haus verlassen. Es sei denn, wir gehen mit Karnevalsmaske einkaufen. Zu Fuß, versteht sich.

Mit Karnevalsmaske einkaufen. Nettes Zukunftsszenario. #digitalnotizen Share on X

Natürlich möchte real im Moment einfach nur gezielte Werbung schalten. Glaube ich sogar. Immerhin hat die Metrogroup inzwischen auch auf die Kritik reagiert und dazu Stellung genommen. Das ändert jedoch nichts daran, dass die dahinterstehende Technik ganz andere Dinge möglich macht. Und wer weiß schon genau, was in den einzelnen Schritten mit den aufgenommenen Filmen und Fotos passiert? Der Schritt hin zum gläsernen Kunden, dessen Einkaufsgewohnheiten mit seinem Facebook-Account und seinem Bewegungsprofil so abgeglichen werden, dass der Händler schon montags weiß, was sein Kunde freitags einkaufen wird, wird durch den Einsatz solcher Techniken immer kleiner. Und je mehr wir uns daran gewöhnen, desto weniger wird uns auffallen, dass irgendwann eine Grenze überschritten ist, hinter die wir dann nicht mehr ohne weiteres zurückkommen.

Dauertracking und Datamining. Wann ist die Grenze überschritten? #digitalnotizen Share on X

Ich finde deshalb, wir sollten uns die Frage stellen, ob wir das wollen. Zu wenige tun das bisher. Und noch viel weniger werden tatsächlich aktiv. Wir brauchen eine Diskussion, die die Risiken eines permanenten Trackings ernstnimmt und nicht jeden als Paranoiker abstempelt, der sich ernsthaft Sorgen darum macht, was mit unseren Daten passiert. Verbraucher, die sich informieren und aus den Informationen auch Konsequenzen ziehen. Entscheider, die sich Gedanken über echte Kundenbindung machen, anstatt einfach blindlings auf den Big-Data-Zug aufzuspringen. Können wir Kunden wirklich nur dann gewinnen und halten, wenn wir sie in- und auswendig kennen? Es geht garantiert auch anders – wenn wir wollen.

Ich wünschte, ich hätte einen real-Markt in der Nähe, den ich boykottieren kann. Bleibt wohl nur die Post. Die dafür leider ungleich schwieriger zu boykottieren ist. Da fängt’s schon an.

Wo ist der real-Markt in meiner Nähe, den ich boykottieren kann? #digitalnotizen Share on X

KF/ciq

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Textnerd, Teilzeit-Techie und Teejunkie. Sitzt an der Schnittstelle von Content und SEO und bringt komplexe digitale Themen in Fachartikeln, Workshops und Online-Kursen auf den Punkt. Bloggt seit über 20 Jahren und schreibt heute hauptsächlich über SEO, Content Marketing, Web und andere digitale Themen.
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